Der Digital Product Passport (DPP) ist ein zentrales Element des EU Green Deal und wird ab 2026 schrittweise verpflichtend. Für jeden in der EU verkauften Artikel müssen Unternehmen einen digitalen Datensatz bereitstellen – abrufbar per QR-Code, NFC oder RFID. Für E-Commerce-Unternehmen bedeutet das: Produktdaten müssen vollständig, strukturiert und digital zugänglich sein. In diesem Guide erklären wir die Anforderungen, den Zeitplan und wie Sie Ihren Shop mit PIM-Systemen vorbereiten.

Digital Product Passport (DPP)QR CodeProduktdatenMaterialzusammensetzungCO₂-FußabdruckReparierbarkeitRecycling-AnleitungEU-Pflicht ab 2026 · ESPR · Green DealBatterien · Textilien · Elektronik · Verpackungen

Was ist der Digital Product Passport?

Der Digital Product Passport (DPP) ist ein digitaler Datensatz, der verifizierte Informationen über ein Produkt während seines gesamten Lebenszyklus konsolidiert. Diese Daten werden über einen eindeutigen Identifikator – wie QR-Code, NFC-Chip oder RFID-Tag – mit dem physischen Produkt verknüpft.

Rechtlich verankert ist der DPP in der Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR) – Verordnung (EU) 2024/1781. Er ist Teil der EU-Kreislaufwirtschaftsstrategie und des Green Deal mit dem Ziel, Nachhaltigkeit, Reparierbarkeit und Recyclingfähigkeit von Produkten zu fördern.

Wer muss handeln?

Die Verordnung gilt für alle Unternehmen, die Produkte in der EU verkaufen – unabhängig vom Produktionsstandort. Hersteller, Importeure, Distributoren und Online-Händler sind gleichermaßen verantwortlich.

Welche Daten enthält ein DPP?

Der Digital Product Passport muss umfassende Informationen enthalten, die je nach Produktkategorie variieren:

Materialzusammensetzung

Alle Materialien und deren Herkunft, kritische Rohstoffe, recycelte Anteile

CO₂-Fußabdruck

Carbon Footprint, Wasserverbrauch, Energieverbrauch während Produktion

Reparierbarkeit

Reparierbarkeits-Score, verfügbare Ersatzteile, Reparaturanleitungen

Recycling-Informationen

Demontage-Anleitung, Recyclingfähigkeit, Entsorgungshinweise

Jedes Produkt muss eine global eindeutige ID erhalten – etwa eine Seriennummer, GTIN (Global Trade Item Number) oder ein proprietärer Code, der das Produkt durch die gesamte Wertschöpfungskette digital verfolgbar macht.

Zeitplan: Wann wird der DPP Pflicht?

Die Einführung erfolgt schrittweise zwischen 2026 und 2030. Die EU-Kommission richtet bis Juli 2026 ein zentrales DPP-Register ein.

JahrProduktkategorieAnforderungen
2026Batterien (EV & Industrie)Vollständiger Battery Passport via QR-Code
2026Erste ESPR-ProdukteEnergieintensive Industrieprodukte
2027Textilien & BekleidungKleidung, Schuhe, Heimtextilien
2027Consumer ElectronicsSmartphones, Tablets, Laptops
2028-2029Weitere KategorienVerpackungen, Möbel, Baustoffe
2030Alle ESPR-ProdukteUniverselle DPP-Pflicht
Battery Passport: 18. Februar 2027

Für Elektrofahrzeug- und Industriebatterien mit über 2 kWh Kapazität ist der DPP ab dem 18. Februar 2027 Pflicht (EU Battery Regulation).

Welche Branchen sind betroffen?

Der DPP wird nahezu alle Branchen erfassen. Ausgenommen sind lediglich Lebensmittel, pharmazeutische Produkte und Tierfutter. Die wichtigsten betroffenen Kategorien für Online-Händler:

  • Textilien & Mode – Kleidung, Schuhe, Heimtextilien, Accessoires
  • Elektronik – Smartphones, Tablets, Laptops, Haushaltsgeräte
  • Batterien – E-Bike-Akkus, Power Banks, Industriebatterien
  • Möbel – Polstermöbel, Matratzen, Büromöbel
  • Verpackungen – Kunststoff, Metall, Verbundmaterialien
  • Baustoffe – Dämmstoffe, Bodenbeläge, Farben
Textilbranche besonders gefordert

Die Generierung der geforderten DPP-Daten ist in der Textilindustrie besonders komplex – globale Lieferketten, wechselnde Kollektionen und fehlende Materialrückverfolgbarkeit.

Technische Umsetzung: QR-Code, NFC, RFID

Der Zugang zum DPP erfolgt über maschinenlesbare Identifikatoren, die physisch mit dem Produkt verbunden werden:

QR-Code

Günstigste Option (~0,10-0,15€). Druck auf Verpackung oder Label. Für Textilien, Verpackungen, Kleingeräte.

NFC-Tag

Kontaktloses Auslesen (~0,25-0,30€). Für hochwertige Elektronik, Luxusgüter, Textilien mit Pflegepass.

RFID-Tag

Für Logistik und Inventur. Bulk-Scanning möglich. Höhere Kosten, mehr Funktionen.

Der QR-Code oder Tag verlinkt auf einen digitalen Datensatz, der in einem standardisierten Format bereitgestellt werden muss. Die EU plant ein öffentlich zugängliches Portal, über das Nutzer DPP-Daten suchen und vergleichen können.

DPP-Datenstruktur (vereinfacht)
{
  "productId": "GTIN:4012345678901",
  "productName": "Winterjacke Eco Pro",
  "manufacturer": "ACME Fashion GmbH",
  "materials": [
    { "name": "Recycled Polyester", "percentage": 65 },
    { "name": "Organic Cotton", "percentage": 30 },
    { "name": "Elastan", "percentage": 5 }
  ],
  "carbonFootprint": {
    "value": 12.5,
    "unit": "kg CO2e"
  },
  "repairabilityScore": 7.2,
  "recyclingInstructions": "https://...",
  "certificates": ["GOTS", "OEKO-TEX Standard 100"]
}

PIM-Systeme als Datenquelle

Die größte Herausforderung beim DPP ist die Datenbeschaffung und -strukturierung. Ein Product Information Management (PIM) System wird zur zentralen Komponente:

  • Zentralisierung – Alle Produktdaten an einem Ort: technische Specs, Materialien, Zertifikate
  • Datenqualität – Validierung, Normalisierung und Vollständigkeitsprüfung
  • Lieferkettenanbindung – Import von Materialdaten aus Lieferantenportalen
  • Export – Strukturierte Ausgabe im DPP-konformen Format
  • Versionierung – Änderungshistorie für Compliance-Nachweise

Gängige PIM-Lösungen wie Akeneo, Pimcore, Informatica und Contentserv bereiten sich bereits auf DPP-Funktionen vor. Die Integration mit Shopware oder WooCommerce ermöglicht dann die automatische Bereitstellung der DPP-Daten im Shop.

Jetzt mit dem Datensammeln beginnen

Auch wenn die Pflicht noch nicht in Kraft ist: Beginnen Sie jetzt mit der systematischen Erfassung von Materialdaten und CO₂-Werten. Je früher Sie starten, desto einfacher wird die Compliance.

DPP-Implementierung für Online-Shops

Für E-Commerce-Unternehmen empfehlen wir folgenden Implementierungsplan:

  1. Bestandsaufnahme – Welche Produktkategorien verkaufen Sie? Wann werden diese DPP-pflichtig?
  2. Daten-Audit – Welche Daten haben Sie bereits? Welche fehlen?
  3. Lieferkettenanalyse – Können Ihre Lieferanten die erforderlichen Daten liefern?
  4. PIM-Evaluation – Benötigen Sie ein PIM-System? Welches passt zu Ihrem Stack?
  5. Datenmodell – DPP-Attribute im PIM anlegen, Validierungsregeln definieren
  6. Integration – PIM ↔ Shop-System ↔ DPP-Plattform verbinden
  7. QR-Code-Lösung – Generator für Labels/Verpackungen implementieren
  8. Testing – Compliance-Prüfung vor Go-Live

Shopware und WooCommerce vorbereiten

Für Shopware 6 und WooCommerce wird die DPP-Integration über Custom Fields bzw. Meta-Felder erfolgen:

  • Custom Property Sets für DPP-Attribute anlegen
  • API-Schnittstelle zum PIM einrichten
  • QR-Code-Generator als Plugin/Extension integrieren
  • Produktdetailseiten um DPP-Link erweitern
  • Strukturierte Daten (Schema.org Product) mit DPP-Feldern anreichern

Chancen über Compliance hinaus

Der DPP ist nicht nur Pflicht, sondern auch Chance. Unternehmen können die Transparenz als Wettbewerbsvorteil nutzen:

Vertrauensaufbau

Transparenz bei Materialien und Produktion stärkt die Kundenbindung und rechtfertigt Premium-Preise.

Kundenbindung

DPP-Scan wird Touchpoint: Pflegetipps, Garantie-Infos, Nachkaufangebote direkt am Produkt.

Marketing-Potenzial

CO₂-Werte und Zertifikate kommunizieren Nachhaltigkeitsbemühungen glaubwürdig.

Resale & Reparatur

DPP erleichtert Second-Hand-Verkauf und Reparatur-Services – neue Geschäftsmodelle.

DPP als Revenue-Treiber

Innovative Marken nutzen den DPP-Scan bereits für Post-Purchase-Marketing: exklusive Inhalte, Loyalty-Programme und Cross-Selling direkt am Produkt (Akeneo).

Kosten und Aufwand

Die Kosten für DPP-Compliance hängen stark von der Ausgangslage ab:

  • QR-Codes – ca. 0,10-0,15€ pro Stück (Druck auf Label/Verpackung)
  • NFC-Tags – ca. 0,25-0,30€ pro Stück
  • PIM-System – ab 500€/Monat für Enterprise-Lösungen, Open Source (Pimcore) günstiger
  • DPP-Plattform – SaaS-Anbieter ab ca. 0,40€ pro Produkt inkl. Hosting
  • Datenerfassung – Größter Kostenfaktor: interne Prozesse und Lieferantenabstimmung
Skaleneffekte nutzen

Die Pro-Produkt-Kosten sinken mit steigender Produktmenge erheblich. Für Händler mit großem Sortiment lohnt sich die Investition in automatisierte Prozesse.

Häufige Fragen zum Digital Product Passport

Das hängt von Ihrem Sortiment ab. Batterien und energieintensive Produkte ab 2026, Textilien und Elektronik ab 2027, alle weiteren Kategorien bis 2030. Prüfen Sie, welche Ihrer Produkte unter die ESPR fallen.

Ja, die Verordnung gilt für alle in der EU verkauften Produkte – unabhängig vom Produktionsstandort. Importeure und Händler sind gleichermaßen verantwortlich für die DPP-Compliance.

Bei wenigen Produkten können Sie DPP-Daten manuell pflegen. Ab mittlerer Sortimentsgröße ist ein PIM-System dringend empfohlen – es zentralisiert Daten, gewährleistet Qualität und ermöglicht automatisierten Export.

Die konkreten Sanktionen werden noch definiert. Zu erwarten sind Bußgelder, Verkaufsverbote für nicht-konforme Produkte und negative Publicity. Die EU plant Marktüberwachung über das zentrale DPP-Register.

Kommunizieren Sie die DPP-Anforderungen frühzeitig an Ihre Lieferanten. Größere Marken fordern bereits jetzt strukturierte Materialdaten über Supplier-Portale oder standardisierte Datenformate wie ZTC (Zero-Waste Textile Collaboration).

Absolut. Der DPP-Scan kann zum Touchpoint werden: Produktregistrierung, Pflegetipps, Loyalty-Programme, Nachkaufangebote. Marken wie Patagonia zeigen, wie Transparenz zum Wettbewerbsvorteil wird.

Jetzt vorbereiten, nicht abwarten

Der Digital Product Passport kommt – das ist keine Frage des Ob, sondern des Wann. Für Online-Händler mit Textilien, Elektronik oder Batterien im Sortiment ist die Vorbereitung jetzt schon sinnvoll. Die größte Herausforderung ist die Datenbeschaffung: Materialzusammensetzung, CO₂-Werte und Lieferkettentransparenz sind nicht über Nacht verfügbar.

Mit einem strukturierten Ansatz – PIM-System, Lieferantenmanagement und klarer Datenarchitektur – wird die DPP-Einführung beherrschbar. Und mehr noch: Unternehmen, die Transparenz als Chance begreifen, können sich als Vorreiter positionieren und das Kundenvertrauen stärken.

Wir unterstützen Sie bei der Vorbereitung Ihres Shopware- oder WooCommerce-Shops auf den Digital Product Passport – von der PIM-Integration bis zur QR-Code-Lösung.

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Wir analysieren Ihr Sortiment, identifizieren DPP-Anforderungen und entwickeln einen Implementierungsplan für Ihren Online-Shop.

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