Am Sattlerhof 12 · 31134 HildesheimMo–Fr 10–18 Uhr0171 3920011
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Aus dem Nachlass in die Werkstatt

Erb­schmuck umarbeiten

Eine Schatulle mit Stücken, die niemand trägt und niemand weggeben mag. Wir sehen sie mit Ihnen durch und sagen zu jedem, was drinsteckt. Am Ende stehen drei Wege offen — keiner davon muss es sein.

  • I Behalten und aufarbeiten
  • II Umarbeiten lassen
  • III Als Material abrechnen
Geöffnetes Schmucketui mit Granatring, Kameebrosche und angelaufenem Medaillon am Ladentisch
Bitte nichts putzen, nichts entwirren. Angelaufenes Silber ist kein Mangel, sondern eine Auskunft über Legierung und Alter.
333

Was in einer geerbten Schatulle wirklich liegt

Erbschmuck ist selten aus einem Guss. In einer Schachtel liegen oft vier Jahrzehnte Werkstattgeschichte nebeneinander, und jedes Material stellt eigene Bedingungen.

Das häufigste Metall in deutschen Nachlässen ist 333er Gold: acht Karat, ein Drittel Feingold, der Rest Kupfer und Silber. Hart, kratzfest, mit den Jahren leicht nachdunkelnd. Was in Süd- oder Osteuropa gekauft wurde, trägt dagegen meist 585 oder 750.

Daneben liegt fast immer Golddoublé: eine hauchdünn aufgewalzte Goldschicht auf Tombak, in den fünfziger Jahren üblich für Broschen, Uhrgehäuse und Brillenbügel. Von oben ist der Unterschied nicht zu sehen, an der Punze und an abgeriebenen Kanten schon — nachzulesen unter Punzen, Karat und Feingehalt.

Bei den Steinen wiederholen sich wenige Namen: böhmischer Granat, Karneol im Siegelring, Muschelkameen mit kaum zwei Zehntelmillimeter hohem Relief, Zuchtperlen auf müde gewordener Seide. Und regelmäßig Altschliff-Diamanten mit hoher Krone und offener Kalette, im Kerzenlicht geschliffen und darum ruhiger im Feuer als ein moderner Brillant.

Was uns aus Nachlässen am häufigsten auf den Tisch kommt
MaterialWoran wir es erkennenWas es für die Werkbank bedeutet
333er GoldStempel 333, blasser und rötlicher als 585Weiten und Neuschienen gelingen gut, freies Umformen schlecht
GolddoubléAngaben wie Doublé oder 20 Mikron, Abrieb an KantenKein Materialwert, oft der schönere Entwurf: Vorlage statt Rohstoff
Altschliff-DiamantHohe Krone, kleine Tafel, sichtbare KaletteVor dem Ausfassen die Rundiste auf Abplatzungen prüfen
Böhmischer GranatDunkelrot, viele kleine Steine dicht an dichtKein Brenner. Wir arbeiten kalt; muss geschweißt werden, geht es außer Haus
ZuchtperleRau an der Zahnkante, Bohrloch mit KlebstelleKein Ultraschall, keine Säure. Der Seidenfaden wird neu geknüpft
EmailleGlasige Farbfelder, oft mit feinen HaarrissenJede Flamme sprengt die Fläche ab; geschweißt wird nur in einem Laserbetrieb
Brosche mit dicht gesetzten dunkelroten böhmischen Granaten auf dunklem Wildleder
BÖHMISCHER GRANATViele kleine Steine dicht an dicht. Neben ihnen kommt keine Flamme an das Metall.
Altschliff-Diamant in abgenutzter Gelbgold-Krappenfassung, hohe Krone und offene Kalette sichtbar
ALTSCHLIFFHohe Krone, kleine Tafel, offene Kalette: im Kerzenlicht geschliffen und darum ruhiger im Feuer als ein moderner Brillant.
Vergoldete Tombak-Brosche der fünfziger Jahre, an den Kanten ist die Auflage bis auf das Grundmetall durchgerieben
GOLDDOUBLÉVon oben nicht zu unterscheiden, an den abgeriebenen Kanten schon: kein Materialwert, oft der schönere Entwurf.

Was ein Stück ist, lesen wir zuerst an der Punze — und prüfen es danach trotzdem nach, denn Stempel sind abgerieben, aus einem anderen Teil übernommen oder schlicht falsch. Der Magnet sortiert Eisenkerne, Federstahl und versilberte Bleiseelen in Sekunden aus. Dann kommt der Prüfstein: ein kurzer Strich auf schwarzem Schiefer, daneben ein Tropfen Säure der passenden Stufe. Wie zügig der Strich verblasst und welche Farbe er dabei annimmt, verrät den Feingehalt — 333er Gold löst sich rasch auf, 750er bleibt ruhig stehen. Der Abrieb dafür wiegt kaum etwas und wird an einer verdeckten Kante genommen, nie auf der Schauseite. Zuletzt geht die Lupe über Lötstellen, Kantenabrieb und die dünn gelaufenen Stellen, an denen sich Doublé verrät. Für eine ganze Schatulle dauert das meist eine gute halbe Stunde, es kostet Sie nichts, und Sie sitzen die ganze Zeit daneben.

Elfenbein und Schildpatt lassen wir unangetastet, der Handel damit ist streng geregelt. Weißgold der siebziger Jahre enthält häufig Nickel; warum solche Ringe gelblich durchschimmern, erklärt Warum Weißgold gelblich wird.

WERKSTATT

Warum aus altem Gold nicht einfach ein neuer Ring wird

Der Satz „Machen Sie mir aus Omas Kette bitte einen Ring" klingt nach einem Auftrag. An der Werkbank zerfällt er in zwei sehr verschiedene.

Altgold ist kein sauberer Rohstoff. In jedem gelöteten Gelenk sitzt Lot anderer Zusammensetzung, dazu kommen Zinnreste aus alten Reparaturen, Nickel aus Weißgoldteilen, Eisen aus Federn und Stiften. Zusammengeschmolzen ergibt das ein Metall, dessen Legierung niemand kennt: Es zieht Poren, reißt beim Walzen und nimmt die Politur schlecht an.

A

Die Substanz bleibt

Das Erbstück behält seinen Körper. Wir richten, ergänzen und fassen um, statt einzuschmelzen. Der Ring bekommt eine neue Schiene aus frischem Material, die alte Kopfpartie samt Gravur bleibt stehen. Was Sie danach in der Hand halten, hat Ihre Familie schon in der Hand gehabt.

  • Brosche zu Anhänger: Nadelwerk ab, Öse auf, Rückseite verputzen
  • Ringkopf erhalten, Schiene erneuern, auf Ihre Ringgröße bringen
  • Steine eines großen Stücks auf drei kleine Erinnerungen verteilen
  • Clips auf Stecker umbauen, wenn das Ohrläppchen keinen Druck mehr mag
B

Der Wert bleibt

Manchmal ist der Entwurf nicht zu retten: ein an drei Stellen gerissenes Kettchen, eine messerdünn gelaufene Schiene, drei Ohrringe ohne Partner. Dann wiegen wir das Material, rechnen es nach Feingehalt und Tagespreis ab und legen den Betrag auf das neue Stück an — auf eine Anfertigung nach Maß oder auf Trauringe aus eigenem Altgold.

  • Verrechnung statt Auszahlung, auf Wunsch auch beides gemischt
  • Neues Metall aus definierter Legierung: keine Poren, keine Risse
  • Der alte Stein wandert trotzdem mit, er ist das eigentliche Erbstück
  • Auf dem Beleg stehen Gewicht, Feingehalt und Anrechnungsbetrag
Alter Ringkopf mit Granat in der Ringklemme, die dünn gelaufene Schiene ist abgetrennt, daneben liegt ein frischer Goldstreifen
SUBSTANZ BLEIBTDie Kopfpartie samt Gravur bleibt stehen, die Schiene kommt aus frischem Material.
Waagschale mit gerissenen Kettenstücken, verbogener Broschennadel und einzelnen Ohrringen, dahinter ein Tiegel mit frischer Legierung
WERT BLEIBTWas sich nicht mehr retten lässt, wird gewogen, nach Feingehalt abgerechnet und auf das neue Stück angelegt.
  • Wo keine Flamme hin darfNeben Perle, Emaille oder Granat wird nicht gelötet. Meist lösen wir das kalt. Ist eine Schweißnaht nötig, geben wir die Arbeit an einen Betrieb mit Lasergerät — bei der Annahme gesagt, nicht hinterher. Was dabei geschieht, erklärt Laserschweißen.
  • Krappen vor dem UmsetzenAlte Krappen sind über Jahrzehnte dünn gelaufen und werden erneuert, bevor ein Stein in eine neue Fassung wandert: Stein fassen und ersetzen.
  • Die Gravur zweimalWir lichten sie vor dem Neuschienen ab und stechen sie danach wieder ein — von Hand oder mit der Maschine.
  • Seide statt DrahtPerlenreihen aus dem Nachlass hängen durch und werden mit Knoten zwischen den Perlen neu geknüpft.
  • Weiß zum SchlussWeißgold zeigt nach jeder Umarbeitung seinen warmen Grundton; erst das Rhodinieren gibt ihm das kühle Weiß zurück.
ABLAUF

Der Sichtungstermin und seine drei Ausgänge

Bringen Sie alles mit, so wie es liegt. Danach wissen Sie zu jedem Stück, was es ist, was es wiegt und welcher Weg dazu passt.

Alles auf den Tisch

Etui, Schachtel, ganze Schublade. Bitte nicht polieren und nichts aussortieren: Was nach Modeschmuck aussieht, ist manchmal eine massive Brosche mit vergoldeter Haut.

Lesen, prüfen, trennen

Punze unter der Lupe, Magnetprobe, bei fehlendem oder zweifelhaftem Stempel der Strich auf dem Prüfstein mit Säure. Vor Ihren Augen entstehen drei Häufchen: tragbar, umarbeitbar, Material. Was dabei genau passiert, steht unter Wie wir prüfen.

Wiegen auf der geeichten Waage

Die Anzeige steht zu Ihnen, Steine und Fremdteile ziehen wir ab. Sie hören eine Zahl für den Materialanteil, ohne dass daraus ein Verkauf werden muss.

Skizze auf Papier

Goldschmiedemeister Tammo Riekhoff zeichnet zwei, drei Varianten daneben: was aus dem Stein werden kann, wie viel Metall nötig ist, was vom Original sichtbar bleibt.

Kosten­voran­schlag und Bedenkzeit

Sie nehmen Skizze, Gewichte und Preis mit nach Hause. Erst wenn Sie zusagen, wird gearbeitet — und erst dann trennt jemand ein Teil ab.

Ausgang I

Behalten und aufarbeiten

Reinigen, Fassungen nachziehen, Verschluss erneuern, Oberfläche wiederherstellen. Das Stück bleibt, wie es ist, nur wieder tragbar.

Reinigen und Polieren

Ausgang II

Umarbeiten lassen

Aus einem Stück wird ein anderes, mit Modell, Guss oder Handarbeit am Blech. Rechnen Sie mit Wochen statt Tagen.

Umarbeitung in der Werkstatt

Ausgang III

Als Material abrechnen

Wenn nichts mehr trägt und niemand es vermisst: Gewicht, Feingehalt, Tagespreis, Beleg. Auszahlung bar oder per Überweisung.

Nachlass und Erbschaft
Sichtung im Laden
kostenlosmündlich, unverbindlich, ohne Kaufzwang
Umarbeitung, Arbeitslohn
ab 220 €üblich fertig in 3–5 Wochen
Aufarbeiten und polieren
ab 20 €ohne Steinbesatz, 2–5 Werktagen

Richtwerte, keine Angebote — der Materialeinsatz verschiebt sie stark. Was Ihr Stück kostet, sagen wir Ihnen nach der Sichtung, vor Arbeitsbeginn und unverbindlich; die Übersicht steht unter Preise und Bearbeitungszeiten. Steht eine ganze Wohnung zur Auflösung an, kommen wir zu Ihnen: Hausbesuch und Abholservice.

FRAGEN

Was am Tisch mit dem Erbstück gefragt wird

Sechs Fragen aus fast jedem Sichtungsgespräch — hier so beantwortet, wie wir es auch im Laden tun würden.

Auf zwei Wegen. Entweder bleibt die Substanz: Der alte Ringkopf mit seiner Gravur wandert auf eine neue Schiene, der Stein wird umgesetzt. Oder wir wiegen das Material, rechnen es nach Feingehalt ab und legen den Betrag auf das neue Stück an. Alles einzuschmelzen und daraus unmittelbar zu arbeiten, ist der eine Weg, den wir nicht gehen: Alte Lote und Fremdmetalle machen die Legierung unberechenbar.

Nein. Sie nehmen Skizze, Gewichte und Kostenvoranschlag mit nach Hause. Getrennt, ausgefasst oder eingeschmolzen wird nichts, bevor Sie zugesagt haben. Manche melden sich nach ein paar Wochen wieder, manche gar nicht — beides ist in Ordnung.

Beim Neuschienen geht die Gravur an der bearbeiteten Stelle verloren, das lässt sich nicht umgehen. Wir lichten sie vorher unter der Lupe ab und stechen sie danach in gleicher Schriftlage wieder ein. Ist Ihnen der originale Zug wichtiger als die Passform, sagen Sie es bitte vorher.

Sie sind meist das eigentliche Erbstück und wandern in aller Regel mit. Vor dem Ausfassen prüfen wir die Rundiste unter der Lupe auf Abplatzungen, denn alte Krappen halten einen Stein oft jahrzehntelang unter Spannung. Granat, Koralle und Perle vertragen keine Flamme. Wir arbeiten dann kalt, also richten und fassen ohne Hitze. Braucht eine Naht dicht am Stein doch eine Schweißung, geben wir das Stück an einen Betrieb mit Lasergerät — das sagen wir Ihnen bei der Annahme, mit Weg und Zeit.

Aus einem gliedreichen Armband lassen sich drei Anhänger machen, aus einer Brosche mit mehreren Steinen drei kleine Ringe. Lässt sich ein Stück nicht teilen, behält es eine Person und die anderen bekommen den anteiligen Materialwert. Die Zahlen dafür stehen nach dem Wiegen fest und sind für alle am Tisch nachvollziehbar.

Das hängt am Verhältnis von Materialwert und Arbeitszeit. Bei einem dünnen Kettchen aus 333er Gold liegt der Arbeitslohn oft über dem, was das Metall einbringt; dann raten wir zum Abrechnen. Bei einem massiven Ring oder einer gut gearbeiteten Fassung sieht die Rechnung anders aus. Wir nennen Ihnen beide Zahlen nebeneinander.

Bringen Sie die Schatulle mit

Für eine ruhige Stunde mit Lupe, Waage und Skizze stimmen wir vorher eine Uhrzeit ab — dann liegt der Tisch frei und die Werkstatt ist erreichbar. Sie gehen mit drei Wegen nach Hause und entscheiden in Ruhe, welcher Ihrer ist.